„Am Anfang war das Wort.“
Dieser Satz aus dem Johannes-Evangelium gehört zu den bekanntesten Formulierungen unserer Kultur. Und doch stellt sich aus entwicklungspsychologischer Sicht eine andere Frage: War am Anfang wirklich das Wort? Oder war es nicht vielmehr die Berührung?

Lange bevor ein Kind Sprache versteht, erlebt es die Welt über den Körper – über Nähe, gehalten werden, Wärme, Rhythmus und Hautkontakt. Es ist auch der erste Sinn, der sich im Mutterleib entwickelt. In diesen frühen Erfahrungen entsteht etwas Grundlegendes: ein Gefühl von Sicherheit – und damit auch ein Empfinden von Wert.

In meiner Arbeit begegnet mir immer wieder dieses Thema: die Folgen von einer Abwesenheit von Berührung in der Kindheit. Nicht unbedingt nur in Form von offensichtlicher Vernachlässigung. Viele Menschen berichten von Familien, in denen für vieles gesorgt war – und in denen körperliche Nähe dennoch kaum eine Rolle spielte.

Kinder erleben die Welt jedoch zunächst über den Körper. Babys verstehen nur über Berührung, ob sie geliebt werden und sicher sind. Fehlt diese Nähe, entstehen oft unbewusste Schlüsse: „Ich bin nicht so wichtig“, „Ich muss alleine zurechtkommen“ oder „Mit mir stimmt etwas nicht“. Diese inneren Überzeugungen entstehen nicht aus bewussten Gedanken, sondern aus frühen körperlichen Erfahrungen – oder aus dem Fehlen solcher Erfahrungen.

Selbstwertgefühl wird häufig als Ergebnis von Gedanken und Überzeugungen verstanden. Doch entwicklungspsychologische und neurobiologische Forschung zeigt: Die Grundlagen entstehen viel früher – in frühen Bindungs- und Regulationserfahrungen.

Die Bindungsforschung (John Bowlby, Mary Ainsworth) zeigt: Die Qualität früher Beziehungserfahrungen entscheidet darüber, wie ein inneres Selbstmodell entsteht. Kinder, deren Bezugspersonen feinfühlig reagieren, Nähe anbieten und sie beruhigen können, lernen: „Die Welt ist grundsätzlich sicher. Ich darf hier sein.“

Sichere Bezugspersonen bieten:

  • verlässliche körperliche Nähe
  • feinfühlige Reaktion auf Bedürfnisse
  • beruhigende Berührung
  • konsistente Co-Regulation bei Stress

Diese Erfahrungen beeinflussen die implizite Überzeugung:

„Ich bin wertvoll und meine Bedürfnisse sind berechtigt.“ Fehlen diese Erfahrungen oder sind sie inkonsistent, kann das Stresssystem dauerhaft aktiviert bleiben. Später zeigen sich häufig: Selbstkritik, Schamgefühle, Schwierigkeiten, Unterstützung anzunehmen und ein brüchiges Selbstwertgefühl.

Diese Erfahrungen prägen das sogenannte implizite Körpergedächtnis – ein vorsprachlicher Erfahrungsspeicher, der später beeinflusst, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir Beziehungen gestalten. Frühe Erfahrungen von Gehalten sein prägen unser Körpergefühl, wie wir uns in der Welt fühlen, wie wir uns in der Welt verorten und ob wir die Welt als sicheren Ort empfinden.

Da es implizit im Körpergedächtnis gespeichert wird, wissen viele Menschen rational, dass sie „eigentlich genug“ sind. Und doch fühlt es sich innerlich anders an.

Das Gute ist, dass das Nervensystem ein Leben lang lernfähig bleibt. Neue Erfahrungen von Sicherheit, Regulation und Kontakt können alte Muster langsam verändern.

So können Erfahrungen entstehen, die dem Nervensystem etwas Neues vermitteln:

Ich darf Unterstützung bekommen.
Mein Körper darf sich entspannen.
Ich bin nicht allein. Ich bin wichtig und wertvoll.

Und genau dort, beginnt nachhaltige Veränderung.
im Spüren, im Kontakt – und in der Erfahrung, dass der eigene Körper wieder ein Ort von Sicherheit werden kann.

Über die Autorin

Ich arbeite in der körperorientierten Prozessbegleitung und verbinde dabei Focusing und imaginäre Körperreisen mit Shiatsu. Mich interessiert besonders, wie sich frühe Erfahrungen von Kontakt, Regulation und Berührung im Körpergedächtnis speichern – und wie Menschen über achtsame Körperwahrnehmung wieder in einen freundlicheren Kontakt mit sich selbst kommen können.

In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, innere Prozesse nicht nur zu verstehen, sondern auch körperlich zu erleben und zu integrieren.